Neue Nationalgalerie

Eine Ikone der modernen Architektur – Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie

Architektur

© David von Becker, 2008

Unter den zahlreichen Glückwünschen, die den 1938 von Berlin nach Chicago emigrierten Architekten Ludwig Mies van der Rohe zu seinem 75. Geburtstag erreichten, befand sich auch ein Brief aus Berlin. Der Berliner Senator für Bau und Wohnungswesen gratulierte Mies nicht nur, sondern sprach zugleich seine Hoffnung aus, man möge den Meister für die Errichtung eines Bauwerks in Berlin gewinnen können. Alternative Projekte wurden ihm angeboten, darunter auch ein Haus für die "Galerie des 20. Jahrhunderts und Kunstausstellungen". Hierfür entschied sich Mies und erhielt den Auftrag seiner Wahl.

Dieser Auftrag bedeutete für ihn in mehrfacher Hinsicht die Erfüllung einer beinah lebenslangen Entwicklungsperspektive. Er hatte zwar schon in den zwanziger Jahren in Berlin Villen für Kunstsammler gebaut, doch während seiner ganzen weiteren Karriere keinen eigenständigen Museumsbau realisieren können. In seinem letzten, noch zu Lebzeiten realisierten Projekt, dem er sich mit großer Aufmerksamkeit widmete, zog er die Summe seiner Erfahrungen.

© Gen Aihara, 2008

Die Idee großer, allseits freier Räume, deren Begrenzung gegenüber ihrem Umfeld beinahe aufgehoben ist, war für Mies seit den zwanziger Jahren ein Leitmotiv seiner Planungen. In der Neuen Nationalgalerie brachte er die Idee eines leicht über dem Boden erhobenen, allseits verglasten Raumes in monumentaler Größe und Reinform zur Realisierung. Zwei kurz zuvor entstandene, aber nicht ausgeführte Projekte, einmal das eines Museums für die Sammlung Schäfer in Schweinfurt, zum anderen der Entwurf für das Verwaltungsgebäude von Bacardi auf Kuba, griff er darin auf und steigerte seine Raumideen zu einer höheren, absoluten Form.

Das Alte Museum von Schinkel mag für Mies die Messlatte seiner eigenen Ansprüche an die neue Entwicklung eines Museumsbaus gewesen sein. Er legte jedoch Wert darauf, dass seine Architektur stets der Ausdruck des "raumgefassten Zeitwillens" sei, und somit musste auch der Bau der Neuen Nationalgalerie eine Antwort auf die Gegenwart finden und über die eigene Zeit hinaus verweisen. Zweifellos galt das Hauptinteresse von Mies der oberen Halle, der perfekten Durchgestaltung dieses gläsernen Pavillons. Seine konstruktive Einzigartigkeit - es war seinerzeit die größte freitragende Stahlkonstruktion in Europa - wird bewusst und doch mit Zurückhaltung zur Schau gestellt. Kein vergleichbarer Raum dieser Dimension, vollkommener Proportion und nahezu absoluter Ausschaltung aller funktionalen Details ist je wieder gebaut worden. Mit der Neuen Nationalgalerie kehrte die Berliner Architekturgeschichte gleichsam wieder in sich selbst zurück.

© Gen Aihara, 2008

Am 15. September 1968 wurde die Neue Nationalgalerie feierlich eröffnet. Die erste Ausstellung in der oberen Halle galt Piet Mondrian, im Untergeschoss wurde die ständige Sammlung mit Werken von der Romantik bis zur Gegenwart gezeigt.

Geschichte und Sammlung

1876 wurde auf der Museumsinsel die von August Stüler entworfene Nationalgalerie eröffnet. Durch Ankäufe und Schenkungen wuchs die Sammlung rasch an. Ursprünglich umfasste sie Werke von Künstlern wie Blechen, Schinkel und Menzel, aber zur Entrüstung des Kaisers auch Werke von Manet, Monet, Renoir und Cézanne.

© Gen Aihara, 2008

1919 eröffnete der Direktor der Nationalgalerie, Ludwig Justi, im Kronprinzenpalais eine Galerie für zeitgenössische Künstler. Die im Obergeschoss eingerichteten Räume waren in der Regel einzelnen Künstlern oder Künstlergruppen vorbehalten. Justi war immer bemüht, das Œuvre eines Künstlers durch mehrere Werke aus verschiedenen Schaffensperioden bekannt zu machen. So gab es für Heckel, Nolde und Beckmann jeweils einen separaten Raum, hinzu kam ein Saal mit Gemälden von Schmidt-Rottluff und Kirchner. Weitere Arbeiten wurden u. a. von Kandinsky, Campendonk und Klee gezeigt. Mit dieser „Experimentiergalerie“ hatte die Nationalgalerie die seinerzeit beste und umfassendste Sammlung neuer deutscher Kunst zusammengeführt, die für andere Museen wegweisend und vorbildhaft wirkte.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten und Justis Entfernung aus dem Amt sowie der Beschlagnahmung von 500 Werken als „entartete Kunst“ wurde diese Entwicklung jäh abgebrochen. 1939 wurden die restlichen Kunstwerke ausgelagert, um sie vor Bomben zu schützen. Seit Kriegsende gab es Bemühungen, die durch Naziherrschaft und Krieg entstandenen Lücken in der Sammlung wieder zu schließen. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete die im Jahre 1945 vom Magistrat von Groß-Berlin gegründete Galerie des 20. Jahrhunderts.

Nach der Gründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im Jahre 1957 konnte der im Westen verbliebene Teil der Sammlung erstmals 1959 in der Großen Orangerie des Schlosses Charlottenburg wieder gezeigt werden. Die Präsentation der wachsenden Bestände machte einen Neubau im Westteil der Stadt notwendig.

Die Neue Nationalgalerie, nach Plänen von Ludwig Mies van der Rohe erbaut, wurde 1968 als erstes Museum am Kulturforum eröffnet. Es vereinigte die im Westteil der Stadt verbliebenen Bestände der Sammlung der Alten Nationalgalerie mit der Sammlung der Galerie des 20. Jahrhunderts. Nach der Wiedervereinigung erforderten die zusammengeführten Bestände der Nationalgalerie eine Neuordnung.

Die Kunst des 19. Jahrhunderts, darunter Werke des Impressionismus, zog in die Alte Nationalgalerie auf die Museumsinsel und in die Galerie der Romantik. Skulpturen des 19. Jahrhunderts wechselten teilweise in die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin-Mitte. 1996 fand die Kunst der sechziger Jahre bis zur Gegenwart ihr Domizil im neueröffneten Hamburger Bahnhof.

© Gen Aihara, 2008

Die Neue Nationalgalerie, der „lichte Tempel aus Glas“, beherbergt europäische Malerei und Plastik des 20. Jahrhunderts von der klassischen Moderne bis zur Kunst der 60er Jahre. Unter ihnen befinden sich Arbeiten von Künstlern wie Picasso, Munch, Feininger, Dix und Kokoschka. Die Sammlung der deutschen Expressionisten mit Werken u. a. von Kirchner, Heckel, und Nolde zählt zu den wichtigsten ihrer Art in Deutschland. Ein weiteres Kernstück der Sammlung bilden elf Gemälde von Max Beckmann, die er von 1906 bis 1942 schuf. Sie geben einen Überblick über die Entwicklung seines künstlerischen Schaffens. Die surrealistische Malerei ist mit Künstlern wie Ernst, Dalí und Miró vertreten. Otto Dix und George Grosz dokumentieren mit ihren Gemälden die Richtung des Verismus und der Neuen Sachlichkeit. Endpunkt der Sammlung und einen der Höhepunkte bildet die amerikanische Malerei der sechziger und siebziger Jahre mit den abstrakten Farbfeldern und -räumen von Barnett Newmann, Frank Stella und Ellsworth Kelly.